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01.04.2010

Am falschen Ende gespart: Nur eine fachgerechte Kampfmittelsondierung sorgt bei Bauprojekten für Sicherheit – Teil 1

Ein enormer Zeit- und Kostendruck verhindert häufig eine vernünftige Sondierung von Bauflächen vor Beginn der Bauarbeiten. Im Zweiten Weltkrieg wurden geschätzte 1,4 Millionen Tonnen Bomben über Deutschland abgeworfen, von denen circa 15 Prozent als Blindgänger nicht explodierten. Noch immer liegen laut Experten rund 90.000 Tonnen unentschärfter Bomben im Boden. Dennoch ist die Kampfmittelsondierung nicht unbedingt Lieblingsthema von Bauherren: Kein Wunder, müssen sie doch selbst deren Kosten tragen. „Schwierig wird es dann, wenn am falschen Ende gespart wird, und aus Kostengründen kurz angelernte Aushilfskräfte an Stelle von Fachpersonal mit der Sondierung beauftragt werden“, sagt Dr. Andreas Heil von der K.A. Tauber Spezialbau GmbH, die seit 45 Jahren in der Kampfmittelräumung tätig ist. Obwohl die Preise einer Sondierung im Vergleich zu den hohen Kosten vieler Bauvorhaben Peanuts seien, fehle es an der Bereitschaft der Bauherren, in die Kampfmittelsondierung zu investieren.

„Da wird schon nichts passieren“: Eine Einstellung, die viele Bauherren haben, wenn es um Kampfmittelsondierungen geht. Bei Erdarbeiten auf einer Baustelle in Fürth wurde Ende September 2009 in gerade mal zwei Metern Tiefe eine 500 Pfund schwere amerikanische Fliegerbombe entdeckt. „Wenn da ein Bagger oder ein Bohrgerät rangekommen wäre, hätten die rund 125 Kilogramm TNT in der Bombe einen immensen Schaden anrichten können“, sagt Dr. Heil. Oft erst durch solche Funde würden Bauherren davon überzeugt, welche Gefahren auch 60 Jahre nach Kriegsende noch von Blindgängern ausgehen können. Vorher hatte es geheißen, dass „hier ja fast nichts an Bomben während des Zweiten Weltkriegs heruntergekommen ist.“

Experten fordern schon längst, dass eine seriöse Kampfmittelsondierung zur „Serienausstattung“ eines Bauvorhabens werden muss, ähnlich der Airbags und anderer Sicherheitssysteme in Autos. „Es gibt immer wieder einzelne Projekte, wo die Sondierung mehr als unsinnige Bürokratie denn als Notwendigkeit empfunden wird“, sagt Simon Gremmler. Der Geophysiker arbeitet bei Tauber und führt Sondierungen nach Munition und Bombenblindgängern durch. So komme es beispielsweise vor, dass die zu sondierende Fläche nicht genau bestimmt werden könne oder nicht komplett begehbar sei. „Auch das meist nur kurze Zeitfenster, welches wegen des Baufortschritts zwischen der Messung und Datenauswertung liegen soll, ist manchmal problematisch“, sagt Gremmler. Zudem werden den Sondierern öfters im wahrsten Sinne des Wortes Steine in den Weg gelegt. So kann es passieren, dass direkt neben der abzusuchenden Fläche Stahlträger herumliegen, wodurch die Kampfmittelräumer nicht arbeiten können.

„Die Kampfmittelräumung muss zum Bestandteil der Bauplanung werden.“

„Der allein seligmachende Preis darf nicht dass ausschlaggebende Kriterium sein“, mahnt der Ehrenvorsitzende Dr. Rainald Häber der Güteschutzgemeinschaft Kampfmittelräumung e.V. „Und schon gar nicht, wenn diese hanebüchene Praxis auf Kosten von Sicherheit der Bevölkerung und Umwelt stattfindet.“ Ein Anliegen der 1997 gegründeten Güteschutzgemeinschaft Kampfmittelräumung Deutschland e.V. (GKD) ist es deshalb, die Kampfmittelräumung zu einem immanenten Bestandteil der Bauplanung zu machen.

„Bauherren haben schon aus Kostengründen nur ein Ziel“, erklärt Dr. Häber. „Und das ist, das betreffende Gebäude so schnell wie möglich hochzuziehen. Kampfmittelräumung wird dann eher zum störenden Beiwerk; häufig wird die Kampfmittelbelastung bei der Planung einer Baumaßnahme nicht einmal berücksichtigt.“ In einem solchen Fall werde die Sondierung erst auf Druck von Behörden durchgeführt oder wenn beauftragte Bauunternehmen ihre Leistung erst dann erbringen, wenn durch den Bauherrn eine Kampfmittelfreiheitsbescheinigung nachgewiesen wurde.

Die Gefahrenabwehr ist Ländersache, daher wird das Thema Kampfmittelräumung von Land zu Land unterschiedlich geregelt. Während die Innenministerien etwa von Thüringen, Bayern und Hessen Privatfirmen beauftragt haben, an die die Aufgabe des staatlichen Kampfmittelräumdienstes übertragen wurde, ist anderorts, etwa in Hamburg, die Feuerwehr zuständig. Dennoch halten Experten nicht die uneinheitliche, föderalistische Gesetzgebung für die Ursache der derzeitigen unbefriedigenden Praxis, einen Auftrag nur nach dem Preis zu vergeben. „Die Geophysik, die ja eine wichtige Rolle in der Kampfmittelräumung spielt, ist nicht gerade ein Thema, das jeder aus dem Effeff beherrscht“, erläutert Dr. Heil. „Daher ist es wahrscheinlich, dass ein Auftraggeber schlicht nicht zwischen einem seriösen und einem unseriösen Angebot unterscheiden kann.“

Abdruck mit freundlicher Erlaubnis von
Cora Bethke, Pressebüro Gebhardt-Seele, München