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06.11.2012

Gefahren durch 1,6 Millionen Tonnen Munition in Nord- und Ostsee

Anfang November wies die Arbeitsgruppe „Munitionsaltlasten im Meer“ – bestehend aus Vertretern der Länder Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie des Bundes – mit Ihrer Ausarbeitung, die unter www.munition-im-meer.de abrufbar ist, auf die Gefahr durch versenkte Kampfmittel, teilweise mit Kampfstoffen gefüllt, und aus Bombenfehlwürfen für die Allgemeinheit hin. Die Experten haben 21 munitions¬belastete Flächen in den deutschen Gebieten der Nordsee und 50 solcher Flächen im Ostseebereich festgestellt. Dazu addieren sich weitere 21 Verdachtsflächen in der Ostsee. Im Nordseebereich werden 1,3 Mio. Tonnen Kampf¬mittel vermutet, im Ostseebereich 300.000 Tonnen. Nach dem Krieg haben die Alliierten chemische Kampfmittel in großen Mengen in der Ostsee verklappt. In Fässern, Bomben etc. lagern bis heute mindestens 65.000 Tonnen chemische Kampfstoffe, wie Senfgas, Tabun, Zyklon B und Sarin, auf dem Meeresgrund der Ostsee.

Eine besondere Gefahr geht dabei von chemischen Kampfstoffen aus. Im sogenannten Helgoländer Loch liegen demnach 90 Tonnen Artilleriegranaten mit dem Nervenkampfstoff Tabun. Die Experten schlagen vor, dort den Fischfang zu verbieten, da eine Bergung nur mit einem erheblichen Risiko für die Gesundheit der Bergungskräfte möglich wäre und eine unmittelbare Gefahr für Mensch oder Umwelt aufgrund der schnellen chemischen Umsetzungs- sowie Verdünnungsprozesse im Meerwasser nicht zu erwarten ist.

Ungleich gefährlicher werden versenkte Phosphorbomben vor der deutschen Ostseeküste im Bereich der bombardierten Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom eingeschätzt. Nach offiziellen Unterlagen des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern verfehlten über 600 Tonnen Sprengbomben und etwa 110 Tonnen Brandbomben ihr Ziel und landeten in der Ostsee. Man geht davon aus, dass sich ca. 60 Tonnen Weißer Phosphor in den Brandbomben befunden haben. Weißer Phosphor wird im Meer nicht abgebaut und kann auch noch nach Jahrzehnten seine Gefährlichkeit entwickeln. Phosphor entzündet sich beim Freilegen selbst, wenn er z. B. im Spülsaum am Strand an die Oberfläche gelangt. Aufgrund des Aussehens wird Phosphor oft irrtümlich für Bernstein gehalten, was dann nach dem Abtrocknen immer wieder zu schweren Verletzungen bei den Sammlern führt, wenn sich das vermeintliche Bernstein entzündet.

Der Munitionsschrott wird noch viele Jahrzehnte Gift im Meer freisetzen. Eine besondere Gefahr besteht insbesondere für Menschen, die in den belasteten Bereichen mit dem Meeresgrund in Kontakt kommen. Ausdrücklich werden hierbei Fischer, insbesondere bei der Schleppnetzfischerei, und Arbeiter beim Bau und Unterhalt von Offshore-Anlagen genannt. In Fangnetzen gefundene Munition ist nach Vorgaben der See-Berufsgenossenschaft sofort wieder zu versenken. Aufgrund von Analysen des Wassers und der Sedimente in mit Kampfmitteln belasteten Gebieten konnten zwar Sprengstofftypische Schadstoffe nachgewiesen werden, diese stellen jedoch nach Einschätzung der Experten keine signifikante Belastung der Meeresumwelt dar.

Die Arbeitsgruppe fordert, sich auf einen systematischen Ansatz zum Umgang mit Munition in unseren Meeren zu verständigen. Nur so kann eine Lösung für dieses gesamtwirtschaftliche Problem erreicht werden. Dem kann sich die GKD nur anschließen.

Dipl.-Ing. Hans Joachim Rosenwald
Geschäftsführer der Güteschutzgemeinschaft
Kampfmittelräumung Deutschland e. V.